7. Februar: Fantasie und Bereitschaft zur Veränderung

In Griechenland kocht die Wut! Und in mir, ehrlich gesagt, auch. Man muss doch endlich einmal aufhören, die Bevölkerung Griechenlands auszuplündern!

Aber nein, es geht munter weiter. Allein in diesem Jahr sollen 15.000 Stellen abgebaut werden, bis 2015 sogar 150.000! Löhne sollen gekürzt, Lohnnebenkosten gesenkt werden, um die Wettbewerbsfähigkeit des Landes zu steigern.

Wissen eigentlich diese unbelehrbaren Marionetten Merkel und Sarkozy, was sie da anrichten? Haben die noch irgendeine Nähe zum einfachen Menschen? Das also nennt man Reformen: Löhne kürzen, Lohnnebenkosten senken, den Sozialstaat abbauen - Reformen? Früher hatte dieses Wort mal eine andere Bedeutung. Die gnadenlose neoliberale Ideologie hat schon seit langem die Bedeutungshoheit und die Neuschöpfung der Worte an sich gerissen. Man nennt die Ärmsten „abgehängtes Prekariat“, Kriege „Interventionen“, Neokolonialismus „Kampf für die Menschenrechte“. Und „undemokratisch“ ist alles, was sich dem Expansionismus von Staaten, Konzernen und Banken entgegenstellt.

Wem helfen denn die Milliardenhilfen von IWF, EZB und EU?

Ganz sicher nicht den hungernden und frierenden Griechen, den Armen und Ärmsten, sondern wohl in erster Linie den Banken. Wer eine Regierung zum Ausverkauf des Staatseigentums nötigt, ist kein Demokrat!! Denn wen oder was wählen denn die Bürger? Vorstände der Banken oder des IWF? Sie wählen Politiker, die immer hilfloser werden und in Geiselhaft genommen sind von der Finanzindustrie.Was bedeutet denn die Macht in den Händen extrem reicher Privatleute und Konzerne? Sie brauchen ja nicht einmal zu befürchten, abgewählt zu werden. Sie sind in der Tat - wie sie sich am liebsten selbst bezeichnen - Masters of the Universe.

Viele sagen, das bringt doch nichts sich darüber aufzuregen. Viele meinen, ich sollte nicht schreiben, sondern was tun. Was bitte? Mit einem Gewehr Sarkozy bedrohen? Die Weltrevolution ausrufen oder Steine schmeissen? Die Revolution muss sein. Und sie muss eine Revolution des Bewusstseins sein oder sie wird zum Schlachthaus. Unzählige Privatarmeen, bestens bewaffnete Söldner warten nur darauf, losgelassen zu werden auf die Feinde des Systems. Nicht zu vergessen, mit welch brutalen neuen Waffen sich die Staaten selbst auf demonstrierende Bürger einrichten. Wir sind ihnen in allem unterlegen, bis auf unseren Geist, unsere Liebesfähigkeit, unser Bewusstsein. Ja - und wir sind immerhin die 99 Prozent, wenn wir endlich aus unserer Lethargie erwachen! Und ich glaube, genau das macht ihnen auch Angst.

Ich bleibe dabei: durch Lieder und Texte kann man Interesse wecken, vermag manchmal andere auf etwas hinzuweisen, was ihnen vielleicht gerade nicht so bewusst war, kann eventuell Mut machen, standhafter zu der eigenen Meinung zu stehen, um sich dann selbst für etwas stark zu machen. Die Occupy Wall Street Bewegung ist ein wunderbarer Beginn. Lasst uns unsere Ideen miteinander vernetzen, ohne ideologische Tyrannei, herrschaftsfrei und gewaltfrei. Denn wir haben die Fantasie und die Bereitschaft nicht nur die Welt, sondern auch uns zu ändern.


30. Januar: Buona notte aus der Toskana

Liebe Freunde!

Nach den Aufnahmen für mein Rilke-Hörbuch hatte ich die Freude, hier in der Toskana von zwei Kollegen besucht zu werden: Prinz Chaos, mit dem ich schon so manchen Nazi aus Dresden weggesungen habe - und Dominik Plangger aus Südtirol. Wegen seiner wunderschönen Version von Buona Notte habe ich mich auf ewig in dieses Lied verliebt.

Uns war klar, dass wir diese Gelegenheit, speziell für Euch zu singen, nicht ungenützt lassen dürfen.

Meine sehr freie deutsche Nachdichtung des Liedes von de Gregori musste übrigens von seinen Verlagen erst genehmigt werden. Dafür bedurfte es einer Übersetzung ins Englische, die Prinz Chaos von meinem deutschen Text und erneut mit künstlerischer Freiheit anfertigte.

Nun können wir Euch eine dreisprachige Version des Liedes präsentieren! Des Prinzen japanische Übersetzung, die ich dann singen soll, bleibt mir hoffentlich recht lang erspart.

Die Videoaufnahmen habe ich mit meinem Handy gemacht und anschließend selbst mit der Tonspur zusammengebastelt. Man möge uns nachsehen, dass wir unsere bitterernste Arbeitsweise nicht verhehlen konnten ... als Tonstudio diente übrigens mein Wohnzimmer. Viel Spaß!

www.youtube.com/watch






21. Januar: Das Karussell

Liebe Freunde,

seit einigen Tagen nehme ich in meinem über 25 Jahre nicht mehr benutzten Studio in der Toscana, zwischen Spinnweben und uralten Keyboards, ein Rilke-Hörbuch auf.
Zusammen mit meinem Freund und Produzenten der "Wut und Zärtlichkeit" CD, Flo Moser, haben wir vor, einige Hörbücher in loser Folge zu veröffentlichen und ab und an werde ich die Gedichte mit meinem Klavier begleiten.
Es geht uns darum, die Dichter meiner Wahl, meine Meister und Vorbilder so pur wie möglich zu Wort kommen zu lassen. Ich versuche die Meisterwerke weder als Germanist noch als Schauspieler, sondern als Sänger zu sprechen. Denn schon immer war für mich Lyrik eher der Musik verwandt, und so sehr man natürlich auch darüber nachdenken sollte - beim ersten Hören lausche ich nur dem Rhythmus, der Melodie und der Schönheit der Worte, anstatt mir mit vorgefertigten Interpreationen den Spaß zu verderben.
Hier mal vorab ein kleines Beispiel - wie ich finde, eines der schönsten Gedichte überhaupt: "Das Karussell".

Viel Freude beim Hören!

Euer Konstantin

dl.dropbox.com/u/6024241/Das%20Karussell.mp3



11. Januar: Lieber Mitmensch

Lieber Mitmensch,
der du so gerne gewisse Menschen verächtlich oder auch wütend als Gutmenschen zu entwürdigen versuchst,
ich hätte da eine Frage:
Was stört dich denn nun so am Gut-sein-wollen mancher deiner Artgenossen?
Dass er sich sorgt um sich und seine Lieben
in einer Gesellschaft, die, ungeübt im Miteinander, das Gegeneinander zum Fetisch erhebt,
in einer Gesellschaft, die statt Fürsorge Konkurrenz aufs Banner geschrieben hat,
statt Mitgefühl Gleichgültigkeit,
was stört dich so an jemandem, der sich nicht damit abfinden will,
dass die meisten Wohlhabenden oft nur noch Verachtung übrig haben für die viel zu vielen Armen,
Verachtung statt Mitgefühl,
Arroganz statt Bescheidenheit,
was stört dich daran, dass manche schlecht schlafen, weil sie wissen, dass ihre Lebensweise mit schuld daran ist, wenn mehr als 25.000 Kinder pro Tag an Hunger sterben? Und sie schlafen schlecht für sich allein und ohne deinen sicher wohlverdienten Schlaf zu stören.
Ja, lieber Nichtgutmensch, warum verspottest du jene, die lernen wollen ihr Herz zu öffnen für alle, die „drunten sterben, wo die schweren Ruder der Schiffe streifen“, auch wenn sie „beim Steuer droben wohnen und Vogelflug kennen und die Länder der Sterne“,
warum nur verachtest du alle, die sich stark machen für jene, die zu schwach sind um für sich zu sprechen,
warum verachtest du die Schwachen, lieber Nichtgutmensch?
Weil wir in einer Gesellschaft der Starken und Kräftigen leben und weil nun mal die meisten die Schwachen verachten,
weil sie es so gelernt haben als Kinder
und es ihnen von starken und engstirnigen, verzweifelten und verschlossenen Männern eingebläut wurde.
Könnte es sein, lieber Mit-und Nichtgutmensch,
dass es dich stört wenn nicht alle mitjohlen im Jubilate über den freien Markt, ein Gesangsverein der oft so burschenschaftlich daherkommt,
könnte es sein, dass dich manche eben doch verunsichern,
weil sie ihr Herz nicht verschlossen haben und weiterhin versuchen mit ihm zu denken,
könnte es sein, dass diese Gutmenschen, die soviel ich weiß dir persönlich nie etwas angetan haben, dein Heim nicht zerstört, dein Guthaben nicht geplündert, dein Auto nicht zu Schrott gefahren haben, dir dein Bankkonto nie gekündigt haben, könnte es sein, dass sie dir etwas wieder entdecken und aus der Versenkung holen was du verbannt hast aus deinem Sein und Fühlen, könnte es sein, dass sie dich an etwas erinnern was du immer noch in dir trägst, aber schon lange zu entsorgen versucht hast, könnte es denn sein, werter Nichtgutmensch (denn es käme mir nie in den Sinn dich als Schlechtmensch zu diffamieren), könnte es also sein, dass wegen dieser verdammten Gutmenschen so was wie ein Gewissen in dir wieder zum Leben erwacht und du deshalb so verächtlich und respektlos bist?
Und glaub mir, verehrter Nichtgutmensch, egal ob sie etwas erreichen oder nicht, ob sie die Welt verändern oder mit ihr und an ihr zugrunde gehen, diese Gutmenschen sind mir tausendmal lieber und wertvoller, liebenswerter und spannender, erotischer und witziger als all die Karriereversessenen Sichnichteinmischer, Sichausallemraushalter, all diese überheblich lächelnden und ewig pubertierenden coolen, unlebendigen, farblosen und dumpfen Drübersteher. Mögen sie noch so angeblich klug parlieren und schwadronieren - sie nehmen nicht wirklich teil am Leben, sie sind nie mittendrin und deshalb aus allem raus.
Und wirklich, du lieber Nichtgutmensch, auch dich hätten wir gern auf unserer Seite, der Seite der meist erfolglosen, oft genug scheiternden, immer suchenden, gern staunenden und verzweifelt Liebenden.
Aber so du denn nicht zu uns stoßen willst, beschimpf uns ruhig weiter.
Wir sinds gewöhnt, und dir scheint es ja auch gut zu tun



30. Dezember: Zeit für die Stille

Alfred Brendel spielt nun schon zum zehnten Mal den zweiten Satz des 3. Klavierkonzertes und ich frage mich zum hundertsten Mal, wie es Beethoven gelungen ist mit dieser schlichten und unverschnörkelten, uneitlen und ganz und gar unspektakulären Melodie in mir so tiefe Gefühle zu erwecken, sich seit Jahrzehnten so in meinem Herzen derart festzusetzen, dass mich jedesmal wieder beim Spielen oder Anhören dieser Melodie Bilderfluten meiner Kindheit überfallen, und nicht nur meiner Kindheit, eigentlich meines ganzen Lebens.

Dieses Largo führt mich durch geheime Zauberkraft zu mir selbst und verführt mich dazu, mir wieder selbst zu begegnen. Und so lasse ich unweigerlich das letzte Jahr mit seinen Erfolgen und Niederlagen Revue passieren.
Und ich frage mich, ob ich mir denn genügend Stunden wie diese gegönnt habe in diesem turbulenten und - weshalb sollte ich es auch abstreiten - beruflich dank eurer Zuneigung wirklich sehr erfolgreichen Jahr.
Selbstverständlich werde ich nun nicht ausschließlich zweite Sätze klassischer Komponisten hören - obwohl es nicht die schlechteste Option wäre - aber ich will mir ernsthaft vornehmen mir mehr Zeit für die Stille einzuräumen. Und so sehr ich mich auch darum bemüht habe, vor allem in den letzten Jahren, so richtig leicht fällt mir mein jüngstes Verhältnis mit der Stille immer noch nicht. Leider genügt es ja nicht, mit einem Zenmeister befreundet zu sein, um dann auch gleich meisterlich zu meditieren.

Ich hab mich doch immer wieder zu gern berauschen lassen von Turbulenz und Ablenkung, Aufregung und Fehltritten, um das alles so kampflos aufzugeben.

Aber vermutlich gehts ja gar nicht darum alles aufzugeben. sondern darum, immer wieder das rechte Maß zu finden zwischen Laut und Leise, Allegro und Adagio, Ritardando und Accelerando und Zärtlichkeit und Wut - so wie es die großen Künstlerinnen und Künstler immer in ihren Werken gefunden haben.

Nicht zwangsläufig auch in ihrem Leben.

Auch ich bin als Kind nicht gerade in den großen Topf des Maßhaltens gefallen, und das rechte Maß ist mir doch ganz schön oft entglitten. Vielleicht verzaubern mich deshalb diese strengen klassischen Sätze mit ihren festen Formen und unmerklichen Regeln, die zwar immer wieder durchbrochen wurden, aber doch eher um zu beweisen, dass man sich mit ihnen intensiv auseinandersetzte. Und nun im Alter, wenn die Unsterblichkeit der Jugend als Illusion entlarvt ist und die Zeit ein völlig anderes Gewicht bekommt, gerade weil sie einem wie Sand durch die Finger rinnt, jetzt wär es vielleicht doch endlich an der Zeit sich ihr zu stellen. Vielleicht kommt man ihr ja in der Stille auf die Schliche. Und wenns nur derart ist, dass man sich nicht mehr von ihr beherrschen lässt.
Zugegeben, leicht melancholische Gedanken, aber die sind zum Jahresende doch auch gestattet.

Obwohl ich mir ja nichts mehr vornehmen wollte zum neuen Jahr, weil ich es noch nie eingehalten habe, ist mir nun doch ein Vorsatz passiert.

Und euch wünsche ich ein Jahr, in dem ihr die Kraft habt all das durchzusetzen wofür es sich zu kämpfen lohnt.

Innen wie aussen. Im eigenen Herzen wie in der Welt.

Alles Liebe
Euer Konstantin



12. Dezember: Erst baun wir Waffen, dann verkaufen wie sie weiter...

Kein einziger Politiker soll mir noch irgend etwas erzählen von irgendwelchen Kriegseinsätzen, die notwendig wären um die Menschenrechte zu schützen, solange der Rüstungsdeal mit den Saudis nicht offen gelegt und vor allem beendet wird. 270 Panzer vom Typ Leopard will Deutschland dem Wüstenstaat verkaufen. Der Leo der Firma Krauss-Maffei Wegmann ist der Rolls-Royce unter den Militärfahrzeugen und perfekt geeignet, um von Diktatoren gegen Protestbewegungen in der arabischen Welt eingesetzt zu werden. 270 Mordgeräte vom drittgrößten Waffenhändler der Welt! Die Regierung zieht sich auf die Praxis der Geheimhaltung zurück. Schon 1984 teilte die Regierung Kohl auf eine Anfrage von Parlamentariern zu Waffenausfuhren mit, dass „Angaben zu Rüstungsexporten nur ein gewisses Maß an Publizität vertrügen (!)“. Vielleicht hat Frau Merkel, der die Rechte der Frauen ja so am Herzen liegen, einen Deal mit den Diktatoren gemacht: Die Leos dürfen ausnahmsweise im Kriegsfall von Frauen gesteuert werden!

Und hier der Song zum Thema:
www.youtube.com/watch



24. November: Zehn Tage

Liebe Freunde,

innerhalb von nur 10 Tagen ist jetzt der dritte große Liedermacher und liebe Kollege von uns gegangen. Ludwig Hirsch hat sich das Leben genommen. Ich werde nie vergessen wie er uns - mir und meinen Musikern der ersten Stunde - vor Jahrzehnten seine dunkelgrauen Lieder in seinem Wohnzimmer vorspielte. Wir waren zutiefst beeindruckt! So etwas haben wir nie zuvor gehört. So viel hintergründigen Witz, so viel Melancholie mit einem schier unerschöpflichen erzählerischen Talent vorgetragen, in wunderschöne Melodien verpackt - das war neu und einzigartig. Wir sind uns danach noch oft begegnet auf gemeinsamen Konzerten und auf Festivals, zuletzt bei den Songs an einem Sommerabend im Jahr 2006. Ludwig Hirsch hat mich immer fasziniert, seine unvergleichliche Stimme ging mir unter die Haut. er war einer der letzten Geschichtenerzähler. ein wahrer Poet. Er fehlt uns sehr. Nun hat ihn der "große schwarze Vogel mit den weiten, sanften Flügeln in eine neue Zeit, in eine neue Welt" geholt.


23. November: Für Georg Kreisler

Liebe Freunde,

zutiefst erschüttert muss ich nun, nur ein paar Tage nach dem Tod Franz Josef Degenhardts, schon wieder von einem Meister Abschied nehmen, der mich - nicht nur in meinen Anfangsjahren - inspiriert hat wie kaum ein anderer.
Georg Kreisler ist tot. Kreisler verstarb gestern im 90. Lebensjahr in Salzburg, wie die „Salzburger Nachrichten“ vermeldeten. Gerade jetzt auf meiner Tour musste ich immer an ihn denken wenn ich "Das Lächeln meiner Kanzlerin" spielte. Ohne Kreisler wäre dieses Lied nie entstanden. und ganz sicher nicht nur dieses Lied. Ich habe es ihm jeden Abend gewidmet. und ich hätte ihn so gerne noch einmal in Salzburg besucht....
Am 21.5.2004 habe ich diese Laudatio für Georg Kreisler gehalten. er bekam den Ehrenpreis des Bayrischen Kabarettpreises für sein Lebenswerk.
Er sagte mir anschließend, dass ihm diese Laudatio sehr gefallen habe.

Wer im deutschsprachigen Raum Lieder schreibt und gar noch am Klavier sich selbst begleitend singt, kommt an ihm nicht vorbei.
Ob man ihn bewundert - wie ich - oder nicht: Georg Kreisler hat Maßstäbe gesetzt. Als Autor, als Musiker und als Sänger.
Dass er zeitlos gültige und gute Texte geschrieben hat, wird ihm kein intelligenter Mensch absprechen können.
Sein ganzes Liedgut scheint manchmal ein Konvolut aus sibyllinischen Versen.
Seine Poesie mäandert streckenweise durchs wilde Absurdistan, um dann in einer Art umgekehrtem Syllogismus vom Besonderen aufs Allgemeine zu schließen.

Was für ein grandioser Musiker, Arrangeur und Musicalkomponist er ist, wird oft verschwiegen.
Dass er einer der wenigen ist, die deutsch so singen, dass man jedes Wort versteht, die Melodie nicht verraten wird und man dabei auch noch berührt wird, wird erst gar nicht erwähnt.
Und genau das soll man ihm erst einmal nachmachen. Und sein unvergleichliches Vibrato, das er so hinterfotzig einsetzen kann.
Und sein müheloses durch alle Stilrichtungen gleitendes Klavierspiel.
Seine harmonischen Brechungen und Unverschämtheiten, wenn's dem Text dient.
Ich konnte mich an Kreisler nicht satt hören und hab ihn natürlich, ganz im Brechtschen Sinne, hemmungslos kopiert.
Auf meiner ersten Schallplatte, den "Sadopoetischen Gesängen des Konstantin Amadeus Wecker", kreislerts gewaltig.

In den 70ern war Kreislerplattenhören ein Muss auf jeder Party und auch heute noch stehen, wie ich mir sagen ließ, seine Lieder bei vielen Jugendlichen hoch im Kurs.
Ich habe den Meister ein paar Mal live in der Lach- und Schießgesellschaft gehört und zuletzt, vital und präzise wie eh und jeh, vor einigen Jahren hier im Lustspielhaus.
Und wenn man ihn leibhaftig erlebt wird einem klar, dass er seine vielgerühmte Bosheit nicht um der Bosheit willen oder wie heute oft um der Quoten willen auf die Menschheit loslässt, sondern weil er ein verzweifelt Liebender ist.
Einer der etwas gerade rücken will, der als Jude in Wien tief verletzt worden ist, 1938 emigrieren musste, aber, und vielleicht gerade deshalb ein humanistisches, menschliches Anliegen hat.
Kreisler geht es wie allen ernsthaften Dichtern um die Liebe, und es ist der Verlust der Liebe, der ihn so kränkt. Und so gehören auch seine manchmal etwas spröden Liebeslieder zu den schönsten dieser oft missbrauchten Gattung.

Woher ich das zu wissen glaube?
Einen Musiker kann Kreisler nicht täuschen. Mögen seine Texte noch so zynisch anmuten, oftmals verletzend scheinen - in allen Liedern ist eine große Empathie zu spüren. Mag sein es ist das teilweise sehnsüchtige Timbre seiner Stimme, das manchmal so gar nicht zur knallharten Aussage passt, aber vor allem sind es seine Melodien: Wem solche Melodien zufallen, der kann nicht so bösartig sein wie seine Texte vermuten lassen.

Als er nach seinen Konzerten in der Lach- und Schießgesellschaft mit dem Publikum anschließend diskutieren wollte, hat das viele gewundert.
Ich fand es mutig und richtig, sich mit denen auseinanderzusetzen, die sich ausschließlich beim "Taubenvergiften" auf die Schenkel schlagen wollten.
Georg Kreisler, und deshalb achte ich ihn besonders, ist Zeit seines Lebens ein "engagierter" Künstler gewesen.
Engagement wird ja heutzutage gerne im Blödelwahn verspottet, und umso erstaunlicher war für mich die Aussage des "Star search" - Comedian Jungstars Thomas Müller vor einigen Tagen im Spiegel Gespräch:
"Die guten Leute zeichnet aus, dass jeder von ihnen eine Message hat. Eine persönliche Haltung zur Politik und zu unserer Umwelt muß auch im Programm deutlich werden. Plattes Abspulen von Witzchen langweilt mich."
Halten Sie durch, Herr Müller.
Nehmen Sie sich an Kreisler ein Beispiel.
Kreisler hat Musicals und Theaterstücke geschrieben, er war in den USA als Filmkomponist und Interpret seiner Chansons erfolgreich, bevor er 1955 in Wien in der "Marietta-Bar" erstmals seine genialen Lieder auf sein Publikum losließ.
Ohne ihn wäre das neue, deutschsprachige Liedgut sehr viel ärmer.
Ich kann mir keinen vorstellen, der diesen Preis für sein Lebenswerk mehr verdient als dieser Großmeister des Chansons.


20. November: Eine kleine Anmerkung für die Opernfreunde

Liebe Freunde,

erlaubt mir eine kleine Anmerkung für die Opernfreunde unter euch.

Seit ich ein kleiner Junge bin, kenne ich die Stimme von Jussi Björling. sie ist mir fast so vertraut wie die schöne Tenorstimme meines Vaters. wir beide liebten diesen in Deutschland relativ unbekannten schwedischen Magier, der für mich mit dem schönsten Timbre der Welt gesegnet war. Nie wieder konnte ich diese Sehnsucht, dieses Flehen, diese Unschuld in einer Männerstimme entdecken. Sicher, diese Liebe zu ihm hat sehr viel mit meiner eigenen Kindheit zu tun und es gibt und gab natürlich viele andere ausgezeichnete, überragende Tenöre - aber
(man vergebe meine Sturheit) nur einen Björling! Seine vollendete Technik machte ihn zum heimlichen Vorbild für fast jeden Belcantosänger, seine Musikalität in Verbindung mit seiner nie auch nur annähernd fehlerhaften Intonation ist meineserachtens unerreicht. (Sänger die mit ihm auf der Bühne standen, sprachen davon, dass es ihm unmöglich war auch nur einmal nicht völlig richtig zu singen!). Seine Gestaltung von Schubert oder Beethovenliedern ist nicht unumstritten, mir aber gefällt sie, vor allem weil Björling so gar nicht deutsch das deutsche Lied interpretiert. Die Vollendung des Tones ist ihm das Wichtigste und das wäre zu wenig, wenn er dabei nicht trotzdem seine ganze - am Ende so verängstigte - Seele in jeden auch noch so kurzen Ton gelegt hätte. Jedes Sechzehntel hat Bedeutung, nichts ist beiläufig. Klar Freunde, das ist Operngesang, kein Soul, kein Blues, keine heiseren Urschreie, die oft so packend sein können. Björling steht für die Vollendung einer Gesangstechnik, die vielleicht irgendwann mit dem letzten Jahrhundert auch verschwinden wird. Es gibt heute Mikrophone die selbst gehauchte, heisere Klänge über ein ganzes Orchester tragen können. Nicht zuletzt profitiere ich mit meiner reichlich unvollendeten Gesangstechnik jeden Abend davon.

Aber es lohnt sich doch immer wieder mal einzutauchen in diese wunderbar vollendete Klangwelt und eine Musik, die einen manchmal direkt auf einer Tonleiter in den Himmel führt.

Während ich das schreibe - im ICE Richtung Basel - höre ich gerade zum dritten Mal "Nessun dorma" und kann immer noch nicht genug bekommen von diesen Klängen, die ich schon tausendmal gehört habe. wie ihr seht schlägt auch in meiner Brust ein manchmal ganz schön konservatives Herz...
.
P.S.: Wer mal ein bisschen schnuppern will - auf youtube gibts einige schöne Kostproben seiner Kunst. kaum ein Sänger seiner Zeit hat übrigens so ein umfassendes Werk auf Tonträgern hinterlassen.


12. November: Die gemeinsame Sehnsucht

Liebe Freunde,

immer wieder - und auch nach 40 Jahren auf der Bühne - erscheint es mir fast wie ein Wunder, dass ich meine Gedichte vor so vielen Menschen singen darf. Ich bin mir wohl bewusst, dass das in dieser Zeit nicht selbstverständlich ist. und auch wenn es manchmal in der Presse belächelt wird, dass mein Publikum mit mir gealtert ist - ich find es schön mit euch zusammen alt zu werden. Ich finde es spannend, dass viele meiner Generation nicht daran denken, sich aufs Altenteil abschieben zu lassen. als ob Widerstand, Aufgewecktheit und Sinnlichkeit ein Privileg der Jugend sei. Das hat alles nichts mit Alter zu tun, sondern mit Bewusstsein! Und umso erfreulicher ist es dann, wenn doch immer wieder auch junge, manchmal sogar sehr junge Menschen meine alten und neuen Lieder für sich entdecken und den Mut haben auch vor ihren Altersgenossen dazu zu stehen. Eigentlich habe ich mir immer so ein Publikum erträumt: Nicht uniformiert, aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten, dick, dünn, schick, alternativ, alt (mein ältester bekennender Fan ist 100 Jahre alt!) und jung - Individuen eben, die eine gemeinsame Sehnsucht eint, aber keine gemeinsamen Parolen! Vielen Dank euch allen für diese beschwingten und beflügelnden Konzerte. Im Dezember sind wir in der Schweiz und im nächsten Jahr gehts in Österreich und Deutschland weiter. Und hoffentlich ist dann auch mit Wut und Zärtlichkeit kein Ende in Sicht.

Euer Konstantin



11. August: Mit Wut und Zärtlichkeit in den Sommer

Liebe Freunde!

Nun möchte ich mich bei euch allen herzlich bedanken für diesen ereignisreichen Tourneesommer, für die Konzerte mit Hannes und mit den Spring Strings, natürlich auch für die Filmpremiere der Dokumentation unserer Tournee. Und um wieder einmal so richtig pathetisch zu werden: es ist ein großes Glück, so ein treues Publikum zu haben!

Nach wie vor empfinde ich es als Geschenk, meine Gedichte und Lieder so vielen Menschen vortragen zu dürfen und damit auch noch meinen Lebensunterhalt bestreiten zu können.

Oft werde ich gefragt, woher ich die Energie nehme, die man zweifelsohne braucht um solche Konzerte zu gestalten. Viele denken wohl, Lebensenergie sei wie ein voller Rucksack, der einem bei Geburt mitgegeben wird und dann von Jahr zu Jahr leichter wird.

Aber ich glaube, Energie ist immer verfügbar und immer wieder für den zugänglich, der sich öffnet. Deshalb halte ich es für so wichtig neugierig zu bleiben, staunend, uncool, angreifbar, verwundbar. Wer sich verschließt und in seiner Maske erstarrt, kann nicht teilhaben am großen Lebensfluss.

Gleichzeitig ist man natürlich auch etwas wehmütig, dass schon wieder ein Lebensabschnitt zu Ende geträumt ist. Hat mich die Vergänglichkeit mit 20 gerade noch intellektuell interessiert, so ist sie heute ein Teil meines Wesens geworden. Das trägt zwar dazu bei, sich dem Augenblick intensiver hinzugeben, beschützt einen aber nicht vor Sentimentalität. Ich habe mir die Hoffnung abgeschminkt, eine Weisheit zu erlangen, die schmerzfrei macht. Ich glaube (jedenfalls für mich) zu wissen, dass der Schmerz und die Unzulänglichkeit zum Leben - nun ja, wenigstens zu meinem Leben gehört. Sich dem zu stellen ist wohl eine der Exerzitien des Alters.

Vielleicht versteht man jetzt etwas besser, warum es mich immer noch so vehement auf die Bühne treibt. Diese drei Stunden voll Improvisation, Zwiegespräch mit dem Publikum, Schwelgen in Melodien, diese Stunden in denen man auch seiner Wut eine Stimme geben, gemeinsam mit vielen hunderten Menschen eine gerechtere Welt schaffen kann, diese Stunden voll Liebe und Tod sind für mich zeitlos, weil sie außerhalb der Zeit sind.

Sie schleudern geradewegs in ein Universum ohne Altersbeschränkung, in ein Universum ohne Vergangenheit und Zukunft, in ein Universum des Jetzt. In diesen drei Stunden kann ich den lästigen Gedankenblasen entfliehen, die einen zeit seines Lebens unabschaltbar belästigen.

Zweifellos kann Denken schön sein. aber nur wenn man selbst denkt und nicht wenn ES einen denkt. Und ehrlich gesagt, wann sind wir denn schon wirklich Herr unserer Gedanken und wann beherrschen unsere Gedanken uns? Wie schon der Buddha sagte: die Gedanken sollten der Wagen sein, nicht der Wagenlenker.

Nun werde ich mich für einen Monat verabschieden, ich fliege mit meiner Familie nach Bali, auf die Insel, die mich schon seit meinem dreißigsten Lebensjahr in ihren Bann zieht. Damals habe ich einen Zauberer aufgesucht - ich hab das in meinem ersten Roman „Uferlos“ ausführlich beschrieben - nun werd ich mich lieber von den liebenswürdigen Menschen dort und der unvergleichlichen Landschaft verzaubern lassen.

Und im Herbst geht´s ja schon wieder weiter mit „Wut und Zärtlichkeit“ und ich hoffe euch dann wieder zu sehen, auf der Bühne, vor der Bühne, einige auch hinter der Bühne, am Büchertisch oder in irgendeiner Kneipe nach dem Konzert.

Meine Administratoren oder manchmal auch ich werden weiterhin auf facebook posten. In ein paar Tagen wollen wir euch noch ein Video vorstellen. Es ist bei unseren Proben in der Toscana entstanden und erzählt von Venus, Hades und der Liebe.

Ich wünsche euch allen einen herzerfrischenden August.

Euer Konstantin





28. Juli: Gewisse Damen...

Gewisse Damen.....

Nachdem Auszüge aus meinem Lied "Gewisse Damen von der Kö" in der Presse veröffentlicht wurden, antwortete z. B. die Kö-Anliegerin Nicole Blome-Hardop (Luxus-Uhren): „Was soll’s. Viele Menschen kommen extra auf die Kö, um sich gut gemachte Brüste auf Highheels anzuschauen. Wer darauf keine Lust hat, muss doch nicht extra singen. Er kann einfach wegbleiben."

Für alle, die lieber lesen als gut gemachte Brüste anschauen - für euch exklusiv - der ganze Text des Songs:

Gewisse Damen auf der Kö
haben ein Problem
zu viel Geld im Portemonnö
und das soll man auch sehn.

Drum tragen sie Pelz
wenns sein muss im August
den Arschlöchern gefällt´s
das steigert ihre Lust.

Sie tragen Trauer unterm Nerz
verstecken sich in Tüll
geliftet auch ihr Herz
im Hirn nichts als Müll

Ob in New York, Tokiö
Maximiliansstrassö
überall gibts ne Kö
für die Hautevolö

Auch gewisse Herrn
aus dem Big Business
verstecken sich gern
hinter Protz und Ps

hinter Leistung und Stress
das muss man verstehn
dann brauchen sie sich nicht
im Spiegel anzusehn

ihre Partys sind öde
ihr Lachen nicht echt
sie kaufen sich Beifall
fühln sich trotzdem schlecht

und sie geben sich fröh
im Club Privö
überall ist die Kö
für Verblödetö

alle Andern müssen unten
in stickigen Räumen
am Ruder sitzen
und schwitzen und träumen

haben statt zu futtern
nur Diarrhö
und rudern weiter
für die Herrschaften der Kö

und die sind nicht mehr zu ertragen
in ihrer Luxus Agonie
man muss sie verjagen
von selbst gehn die nie

Ob in New York, Tokiö
Maximiliansstrassö
überall gibts ne Kö
für Verblödötö

aus der CD "Wut und Zärtlichkeit" die im September erscheint



Wut und Zärtlichkeit Erscheinungstermin 16.09.2011


25. Juli: Rede in Stuttgart

 „Liebe Wutbürger, geht jetzt endlich heim“ hieß es - hämisch und fast ein bisschen glücklich - in Spiegel Online kurz nachdem das Ergebnis des Stresstestes vorlag.
Fast alle anderen Zeitungen titelten ähnlich bescheuert.
Die lieben Kleinen haben ja jetzt ein bisschen revoluzzen dürfen, einer hat zwar sein Augenlicht verloren und ein paar sind von Wasserwerfern übel zugerichtet worden, aber jetzt muss man wieder die Großen ranlassen, die mit den großen Summen umgehen können. Die echten Macher. Nicht die Gutmenschen, sondern die Geldmenschen.
Warum ich dem Stresstest nicht glaube? Weil ich niemandem glaube, wenn es um Milliarden geht. Das ist wie beim Krieg: jeder Krieg beginnt mit einer Lüge.
Jedes Geschäft dieser Größenordnung kann sich nur mit Lügen den Bürgerinnen verkaufen lassen.

Es gibt Menschen, denen ist die Vermehrung von Geld heilig und dazu leben sie auch noch ganz gern.
Es gibt andere, denen ist das Leben heilig und sie haben nichts dagegen, Geld zu verdienen.
Wenn Menschen , denen die Vermehrung von Geld oberstes Gebot ist, erzählen, sie würden irgendetwas zum Wohl der Gesellschaft planen, ist Vorsicht geboten.

Der unsägliche Dampfplauderer und zufällige Entwicklungsminister Dirk Niebel von der FDP waberte auf die Frage, wie denn die Waffenlieferungen nach Saudi Arabien zu vereinbaren seien mit den Menschenrechtskonzepten seiner Partei:
"Die Stabilisierung einer Region trägt durchaus dazu bei, die Menschenrechte zu wahren – vielleicht nicht in dem Land, in dem man tätig, ist, aber in den Nachbarländern."
Analog dazu könnte man sagen:
„Stuttgart 21 trägt durchaus dazu bei, den Menschen große Gewinne zu bescheren. Vielleicht nicht den Bürgern der Stadt, aber all denen, die ihre Geschäfte damit machen.
ich bin kein Gutensch, kein Wutbürger, und ich lasse mich nicht etikettieren.
Die selben Journalisten wären zu recht äusserst erzürnt, würde man sie alle als wirtschaftsabhängige Lohnschreiber in einen Topf werfen.
Ich bin der Meinung, dass sich zu empören ein Grundrecht des Menschen ist. Ohne Empörung wäre die Sklaverei nicht abgeschafft worden, gäbe es keine Demokratie, müssten Schwarze in den Vereinigten Staaten immer noch im hinteren Teil der Busse und Straßenbahnen sitzen. Ohne Empörung wäre Guttenberg noch Doktor und die beliebteste Gelfrisur Deutschlands.
Also bitte ich darum, unsere Empörung ernst zu nehmen. Man muss nicht alles gut heissen - aber ich erwarte, dass man unsere Meinung und unser demokratisches Recht zu demonstrieren und uns aufzulehnen respektiert.
Ich gestatte mir Revolte - auch weiterhin."

4. Juli: Ich will wissen!

 Liebe Freunde!
Von wo bezieht die Bundesregierung das Uran für die Atomkraftwerke? Die Regierung hält genaue Informationen über die Herkunft für überflüssig, heisst es heute in Spiegel Online.
Überflüssig?
Wie es aussieht, passt diese Haltung perfekt in eine Gesellschaft, die seit Jahrzehnten vertuscht, dass unser Wohlstand an das Leid anderer geknüpft ist. Man ahnt es, aber man will es nicht wissen. Man will es nicht wissen, weil diese Erkenntnis zu einem radikalen Umdenken führen würde und uns verpflichten würde, unsere Lebensweise zu überprüfen, zu ändern. Andernfalls aber würde uns dieses Wissen beschweren mit einem kaum tragbaren Rucksack voller Schuld und Mittäterschaft.
In einer Anfrage der Linken an den deutschen Bundestag heisst es:
„Dass der Abbau von Uran zahlreiche Risiken für Mensch und Umwelt mit sich bringt, ist seit langem bekannt. Menschenrechts- und Umweltstandards werden oftmals missachtet. Laut der Gesellschaft für bedrohte Völker befinden sich zudem rund 70 Prozent der bekannten weltweiten Uranvorkommen auf Gebieten indigener Völker. Am Beispiel Niger werden die verheerenden Auswirkungen besonders deutlich. (…) Messungen von Greenpeace im November 2009 in den Straßen der Minenstadt Akokan zeigten Werte bis zu 500 Mal über der normalen Hintergrundstrahlung.“
Wir leben in einer Zeit, die es uns erlaubt an Informationen ran zu kommen, die uns noch vor zehn Jahren nicht verfügbar waren. Eigentlich könnten wir alles wissen. Und wir sind verpflichtet, wachsam und wissend zu sein, und der Demokratie auf die Finger zu klopfen, wenn sie selbstverliebt zu verkrusten beginnt.
Aber das Wissen, das ich meine, ist kein reines Faktenwissen. Denn es setzt voraus, dass man das Leid der Anderen überhaupt empfinden kann - und will. Diese Empathie kann man nicht erzwingen, vor allem wenn die sogenannte Elite unserer Gesellschaft uns vorlebt, wie erfolgreich man als nicht empathischer und hemdsärmeliger Macher sein kann. Aber jeder, der in seinem Leben schon einmal einen schweren Schicksalsschlag wie zum Beispiel den Verlust eines geliebten Menschen hinnehmen musste, weiß, dass man Mitgefühl wieder in sich entdecken kann. Dazu muss man dem eigenen Schatten zu begegnen gewillt sein, den Schmerz in der eigenen Seele zulassen.
Lange dachte ich, Depressive wären wehleidige Hypochonder, denen mit einer kalten Dusche sofort geholfen werden kann. Bis ich in mir selbst die Schwermut entdeckte und mir zugestand, dass die Schwermut ein Teil meines Lebens ist, die sanfte Schwester, wie Eugen Drewermann sie einmal beschrieb, ohne die man nie ein wirkliches Mitfühlen entwickeln kann.
Solange wir uns vorgaukeln, wenn wir nur die Augen verschließen, kann uns das manchmal so entsetzliche Leid unserer Mitmenschen nicht erreichen, solange wir wie kleine Kinder glauben, mit geschlossenen Augen sieht man uns nicht, werden wir unserem eigentlichen Wesen immer wie einem Fremden gegenüberstehen.
Besser wir schauen uns die Welt an, wie sie ist, mit all ihrer unglaublichen Schönheit, aber auch mit all dem Grauen, das uns so oft umgibt.
Nur wenn wir hinsehen, können wir selbstbestimmt etwas unternehmen.
Solange wir unseren Regierenden überlassen, die Welt für uns zu filtern, werden wir immer wieder überrumpelt werden von Ereignissen, die wir nicht so haben wollten und mit denen wir nicht einmal annähernd gerechnet haben.
Ich will wissen! Diese Haltung ist die Grundvoraussetzung für eine selbstbestimmte Gestaltung der Welt. Ich will wissen, woher das Uran kommt, das wir mit angeblich sauberen Händen kaufen. Ich will wissen, an wen wir unsere Waffen verkaufen. Ich will wissen, welche Zusatzstoffe in Lebensmitteln sind, und zwar ausnahmslos alle. Ich will wissen, ob man uns genmanipulierten Mais unterjubelt. Ich will wissen, was genau in Fukushima geschehen ist, geschieht und welche Folgen das hat. Ich will wissen, mit welchen dreckigen Geschäften die Deutsche Bank ihre hohen Gewinne erzielt. Und ich will wissen, wie viele Kinder täglich sterben müssen, damit wir ein materiell sorgenfreies Leben führen können.
Ich bin kein Gutmensch und kein guter Mensch und ich weiß, dass ich noch vieles in meiner Lebensführung werde ändern müssen.
Aber ich will mich all den Ungereimtheiten stellen - meinen eigenen und denen der Welt. Wie anders könnte ich mir sonst Verse daraus machen?

Euer Konstantin


30. Juni: Gegensätze singen sich an

Liebe Freunde,

heute ein Gastbeitrag von Roland Rottenfußer, der seit einigen Jahren unser Webmagazin www.hinter-den-schlagzeilen.de betreut. Genau so habe ich es auch empfunden.

Euer Konstantin

Gegensätze singen sich an

Rudi Gauls Film „WaderWeckerVaterland“ dokumentiert die gemeinsame Tournee und die Lebenswege der beiden großen Liedermacher.

Die Filmpremiere „Wader Wecker Vater Land“ von Regisseur Rudi Gaul fand am vergangenen Dienstag, 28. Juni, im voll besetzten Carl-Orff-Saal (München) statt. Das Werk fand beim Publikum begeisterte Aufnahme und dürfte die Erwartungen der meisten wohl sogar übertroffen haben. In Gesprächen nach Ende der Aufführung herrschte Einigkeit, dass man ein handwerklich brillantes, einfühlsames und tief gehendes Porträt der beiden Künstler gesehen hatte. Dabei handelte es sich um eine Mischung aus Konzertfilm, Interviewfilm und Lebensporträt. Wer wollte, konnte mit Hilfe der Aufnahmen von den Konzertproben sogar einen Blick hinter die Kulissen werfen und eine Ahnung davon erhaschen, wie sich ein Auftritt aus Künstlersicht „anfühlt“. Wie viel jemand auch immer über Hannes Wader und Konstantin Wecker zu wissen glaubt, hier erfährt er garantiert Neues und Interessantes. In parallelen Handlungssträngen zeichnet der, gemessen an seinen „Helden“, noch recht junge Rudi Gaul einerseits den Verlauf der letztjährigen Wecker-Wader-Tournee nach; andererseits erzählt er in Einschüben auch von der bewegten Lebensgeschichte der beiden neben Reinhard Mey wichtigsten deutschen Liedermacher. Dies gelingt durch historisches Bildmaterial sowie Konzertausschnitte von den 70ern bis heute glänzend. Geschickte Schnitte, Tonschnitte und Überblendungen verknüpfen die Handlungselemente mit eleganter Leichtigkeit und zugleich logisch zwingend.

Wecker und Wader „wollen im Grunde dasselbe“, und doch sind es zunächst vor allem die Unterschiede, die ins Auge fallen. Hier der „idealtypische linke Sänger“, groß, schlank und langhaarig, die Gitarre umgehängt, ein musikalischer Minimalist, erfüllt von einer zornigen Ernsthaftigkeit. Dort der kurzhaarige Bodybuilder, Lebemann und Klavier-Kraftmensch, der die große Geste und das üppige Arrangement liebt. Bei den Proben wirkt Wecker meist energischer, besser aufgelegt. Er „verführt“ mit übersprudelnder Herzlichkeit und Flirtblick, und an manchen Stellen erscheint er dominant. Der Münchner ist gegenüber dem Bielefelder im Vorteil, weil daran gewöhnt, eine größere Band zu dirigieren. Wader dagegen stand bisher meist allein auf der Bühne. Alle Verantwortung lastete dann auf ihm, aber er hatte auch jederzeit alles im Griff. Der Film zeigt das berührende Porträt eines im Grunde scheuen Mannes, der nach 40 Jahren Bühnentätigkeit noch immer fürchtet, seine Sache nicht gut genug zu machen. Keiner seiner Zuschauer auf der Bühne oder im Kinosaal wäre wohl auf diese Idee gekommen. So gelingt es Hannes im Film, mit sympathischer Unbeholfenheit und trockenem Humor viele Lacher einzuheimsen. Einmal, verzweifelt von all dem Neuen, das auf ihn einstürzte, meinte Wader, er wolle nie mehr mit jemandem gemeinsam auftreten, nicht einmal mit Bob Dylan oder Paul McCartney. Man mag diesen Mann, weil er seine Zweifel durch eine gütige Art der Selbstironie erlöst zu haben scheint.

Das „Vaterland“ im Titel kommt nicht von ungefähr. Zunächst wird damit auf Lieder beider Künstler angespielt: Wader meinte, wenn er sehe, wie Ausländer ermordet würden, wolle er weder ein Fremder noch ein Deutscher sein. Und Wecker sang: „Ein ganzes Land als Vater war schon immer eine Lüge.“ Dieses Hadern mit der eigenen Herkunft ist typisch für die Generation, der beide angehören. Das Wort „deutsch“ wird von linken „68ern“ fast nie ohne Abscheu oder Ironiesignale verwendet. Wecker entdeckte erst spät einen positiven Begriff von „Heimat“, der er von dem des „Vaterlands“ abgrenzte. Wader fordert würdevoll, wir hätten, verdammt noch mal, mit unserer deutschen Vergangenheit zu leben, auch mit sechs Millionen ermordeter Juden. Dem entsprechend ist der Faschismus – neben dem Krieg – für beide Liedermacher Feindbild Nr. 1.

Gerechtfertigt ist der Titel aber auch, weil der Film eine Art Schnelldurchlauf durch die Epoche darstellt. Die 68er-Bewegung und die Restauration in den 70ern, die Terror-Hysterie wie auch der Zusammenbruch des kommunistischen Ostblocks werden im Spiegel der persönlichen Entwicklung beider Protagonisten gezeigt. So gab Wader an, er habe sich durch seine Rolle als Liedermacher isoliert gefühlt, einsam im Schöpfungsakt wie auf der Bühne, ohne inneres Zentrum. Erst der Eintritt in die DKP Ende der 70er-Jahre habe ihm einen festen Standort, Gemeinschaft und Heimat gegeben. Selbst Anfeindungen als Kommunist habe er damals als Beleg für seine feste Verortung in einem Weltbild begrüßt. Mit der Wende und den nach und nach enthüllten Fakten über den Ostblock sei sein Weltbild jedoch zusammengebrochen. Die Wunde war nicht mehr zu schließen, er hat lediglich gelernt, mit ihr zu leben. Konstantin Wecker fühlte sich dem gegenüber eher auf der Flucht vor kommunistischen Vereinnahmungsversuchen. Er wollte frei sein, sich selbst auszudrücken, lyrisch, mit bourgeoisen musikalischen Stilmitteln und notfalls auch politisch unkorrekt. „Keine Parolen, schenk lieber noch mal ein!“ Das gleiche Einsamkeitsgefühl, das Wader beschreibt, versuchte Wecker auf einem anderen Weg zu kompensieren: durch den Absturz in die Droge.

Diese Gemeinschaft zweier ausgeprägter Individualisten funktioniert nur, weil „jeder den anderen anders sein“ lässt. Es funktioniert auch nicht ohne beiderseitigen spitzbübischen Humor. Es ist in der Tat zu wünschen, dass auch nach dem Abschluss der laufenden Tournee noch „kein Ende in Sicht“ sein wird. Der Film ist auch ein Indiz dafür, dass die öffentliche Wahrnehmung von Wecker und Wader in eine neue Phase eintritt. In der ersten (etwa bis Anfang der 80er) waren linke Liedermacher „in“ und über die Grenzen des Milieus hinaus populär. In der zweiten hat man sie ignoriert, als lebende Fossile bespöttelt – oder sie waren aus den falschen Gründen prominent (siehe Weckers Kokain-Affäre). Jetzt könnte ein drittes Stadium beginnen, in dem man sie als Klassiker wahrnimmt und würdigt – analog zu George Brassens und Jacques Brel in Frankreich. Der Blick der jüngeren Generation wäre weniger getrübt durch politische Parteilichkeit und schmerzlich erlebte Zeitgeschichte, dafür aber gerechter und nicht ohne Sympathie. Zu wünschen wäre es den beiden, denn „wird es nach uns wohl noch jemand geben der, wenn unser Gesang erst für immer verklingt, noch unsere Lieder singt?“ (Wader)



13. Juni: Katholische Sehnsüchte
8. Juni: Ein Bonus für die treuen Fans
24. Mai: Spanien und mein radikaler Altersstarrsinn
9. Mai: CD Aufnahmen in der Toscana
4. Mai: Der Jubel der Jäger
17. April: Die Logik des Pazifismus
2. April: L’homme révolté
15. März: Wie abgebrüht sind wir schon
7. März: Vertreten wir uns endlich selbst!
22. Februar: Quassim heißt die schöne Blume
8. Februar: Ägypten und wir!
16. Januar: Zärtlichkeit und Wut
30. Dezember: Die Neujahrsnotizen!
21. Dezember: Das Wunderbare
19. Dezember: Hermelinmotten an die Front!
4. Dezember: Zur Stuttgart 21 "Schlichtung"
2. November: Zum Gästebuch
29. Oktober: Stellungnahme mit einem Lied von Hannes Wader
16. Oktober: Rede bei Massendemo gegen Stuttgart 21
10. August: Die Stille bei bestimmten Liedern
29. Juni: Warum ich Weltnetz.TV unterstütze
8. Juni: Nachruf auf einen lieben Freund
1. Mai: Drum werd ich jetzt Grieche, Willy!
9. April: Jeder Augenblick ist ewig (Update 12.4. incl. Audio)
29. März: Noam Chomsky!
10. März: Ulf, der Rächer der Spekulanten!
8. März: Zur Oscar-Verleihung
4. März: 6000 Jahre Kollektiv-Psychose der Menschheit
23.Februar: Der Fetzenrausch der Frau Käßmann (Update 2)
16. Februar: Meine Eindrücke von Dresden (Update)
4. Februar: Solidarität mit Karl Valentins linker Hand!
27. Januar: Roland Koch - Rammbock der Berlusconisierung
18. Januar: Das Beben unserer Zeit! (mit Audiodatei)
17. Januar Danksagung für den bayr. Filmpreis
8. Januar: Margot Käßmann und die Kriegstreiber (Update)
14. Dezember: Video-Notizen Weihnachten 2009
11. Dezember: Friedensnobelpreis & Kriegspropaganda (Update)
2. Dezember: Über den Begriff der Naivität (für Arno Gruen)
30. November: Aktuelle Notiz mit dem versprochenen Guttenberg-Text ("Gutti-Land")
23. November: Gute Besserung, Oskar Lafontaine!
16. November: Aus meinem Hotelzimmer in Berlin
13. November: Ein Herbstgedicht (Text & Audiodatei)
10. November: Kulturelle Globalisierung (mit Video-Link)
Freitag, der 6. November 2009
Freitag, der 30. Oktober 2009
Donnerstag, der 29. Oktober 2009
Freitag, der 23. Oktober 2009
Samstag, der 17. Oktober 2009
Freitag, der 16. Oktober 2009
Freitag, der 9. Oktober 2009
Dienstag, 6. Oktober 2009
Montag, 5. Oktober 2009
Donnerstag, der 1. Oktober 2009
Montag, der 14. September 2009
Donnerstag, der 13. August 2009
Dienstag, der 28. Juli 2009
Sonntag, der 26. Juli 2009 (2)
Sonntag, der 26. Juli 2009
Freitag, der 24. Juli 2009
Mittwoch, der 17. Juni 2009
Montag, der 15. Juni 2009
Dienstag, der 2. Juni 2009
Donnerstag, der 14. Mai 1009
Dienstag, der 5. Mai 2009
Donnerstag, der 30. April 2009
Mittwoch, der 29. April 2009
Dienstag, der 21. April 2009
Donnerstag, der 17. April 2009
Mittwoch, der 11. März 2009
Dienstag, der 3. März 2009
Dienstag, der 17. Februar 2009
Samstag, der 14. Februar 2009
Sonntag, der 1. Februar 2009
Samstag, der 24. Januar 2009
Mittwoch, der 21. Januar 2009
Sonntag, der 4. Januar 2009
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Donnerstag, der 20. März 2008
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